Das Komitee
2. Am Ende des Jahres
Hallo ihr Lieben AFSer, Freunde und andere Leser
Da langsam mein AFS-Jahr aufs Ende zugeht und ich sowieso im Moment krank bin, habe ich mich soeben entschlossen, dass ich doch mal wieder einen Bericht schreiben koennte, ueber die letzten Monate, darueber, wie es mir ergangen ist, was ich so gemacht habe und eben ueber alles, was mir so einfaellt.
Seit ich meinen letzten Bericht auf den Weg geschickt habe, sind mehrere Monate vergangen- war ich damals noch eher am Anfang meines ?Aufenthaltes? (Ein schreckliches Wort als Beschreibung fuer ein AFS-Jahr!!), so bleiben mir heute nur noch viel zu kurze 2 1/2 Monate meines Lebens in Tschechien.

Was ich vielleicht von Anfang an erwaehnen sollte, sonst wuerde das in meiner Begeisterung wohl untergehen, ist, dass ich gerade aus einer meiner tiefsten Tiefphasen heraus bin. Die Monate Januar/Anfang Februar und auch ein kleiner Teil vom Maerz waren fuer mich gar nicht leicht. Unterteilen kann man das in: 1.) Januar: Verdammt, ich will nach Hause! Warum hab ich das alles ueberhaupt gemacht? Wer ist schon so verrueckt, seine Familie, sein Land, ALLES fuer 11 Monate zurueckzulassen? 2.) Anfang Februar: Reste des Januar-Tiefes,... Ich bekomme meine Laune nicht richtig hoch. Ich bin mit mir selbst unzufrieden, weil ich doch meine begrenzte Zeit hier geniessen sollte!! und 3.) Teile vom Maerz: Ja, es ist schon sehr, sehr schoen hier! Aber langsam wird die Zeit der Trennung schon lang! Ich koennte mal wieder eine Umarmung meiner Mama, ewig lange Rede-Stunden mit Freunden, Lagerfeuer undundund gebrauchen... Warum will ich so gerne heim?? Mensch, es ist doch nichtmehr lang!
Das nur kurz, um auch die andere Seite der Medaille anzusprechen (bzw. schreiben). Ich habe mir in dieser langen Zeit ueberlegt, warum es bei mir wohl so gelaufen ist, dass meine Anfangszeit eigentlich ueberwiegend super war und (wie ich jetzt sagen kann) die Endzeit auch, aber in der Mitte hat alles ein bisschen gewackelt.. Zu einer Erklaerung bin ich eigentlich erst letzten Freitag gekommen, als ich die wunderbare Moeglichkeit hatte, Tachi Cazal, den Praesidenten vom AFS international zu treffen, der anlaesslich des 10. Jubilaeums des AFS Tschechiens zu Besuch in Prag war. Davon erzaehle ich spaeter noch mehr, denn der Tag mit Tachi war einer der besten meines ATJes. In einem Gespraech mit dem Paraguayaner sagte dieser ein paar Saetze, die fuer mich irgendwie die Loesung waren. Ungefaehr war das so: ?Die modernen Austauschschueler fahren in fremde Laender, stempeln es als langweilig ab, auf dem selben Kontinent zu bleiben, sagen, sie wollen den ?richtigen Kulturschock? erleben. Aber ich bewundere diejenigen, die in ihre Nachbarlaender fahren. Denn das sind die Orte, in denen man am tiefsten gehen muss, um das wirkliche Leben kennen zu lernen. Hier rechnet man damit, einen fast gleichen Lebensstil zu finden. Den Schock bekommt man zu fuehlen, wenn man schon fast am Ende angelangt ist und auf dem Weg nach Hause, dann, wenn man ein Mitglied seines Landes ist. Und das wird hart. Haerter als wenn man darauf so richtig vorbereitet waere.?
Genau das war wohl das, was mich irgendwie fertiggemacht hatte: Die Erkenntnis, dass doch alles sehr anders ist. Mein Verhaeltnis zu Deutschland wurde besser, manchmal haette ich ganz Tschechien mit samt aller Einwohner am liebsten auf den Mond geschossen. Meine Mamka ist sehr stolz auf ihr Land und ihre Einstellung zum Leben, das bewundere ich, aber irgendwann werden die Geschichten auch langweilig, wenn man sie 15 mal erzaehlt bekommt. Von meiner Klasse wurde ich mehr und mehr als Tschechin angesehen, was dazu fuehrte, dass auf mich keine Ruecksicht mehr genommen wurde, wenn es um Deutschen-Witze oder Laestereien ging...

- Ein paar Freunde aus meiner Klasse
Soviel zu meiner Tiefphase.. Mittlerweile befinde ich mich im April und meine Laune ist eine ganz andere. Jetzt habe ich ja schon ein wenig ueber die weniger schoenen Dinge der letzten Monate erzaehlt, also komme ich nun zu den Hoehepunkten der Zeit von Januar bis April
Dazu gehoert als erstes mal die eine Woche im Februar, in der ich mit meiner (Gast-)Familie in Livigno, Italien zum Schifahren war. Eine super Zeit. Nicht nur, weil Schiurlaub immer toll ist, sondern vor allem auch, weil seit da zB das Verhaeltnis zwischen mir und meiner kleinen Gastschwester noch viel besser ist. Sie war vorher oft noch ein bisschen schuechtern und seit wir aus Italien zurueckkamen, sind wir wohl relativ unzertrennlich..
Im Maerz ging es dann noch mal auf die Piste- diesmal nur fuer einen Tag. Mit meiner Klasse machten wir uns auf den Weg in die tschechischen Berge um den Winter ausklingen zu lassen (wie wir glaubten, aber der Fruehling wollte noch lange nicht kommen...). Ein superschoener Tag, an dem mir noch einmal mehr bewusst wurde, wie besonders meine Klasse hier ist und wie sehr sie mir wohl fehlen werden...
Ein weiterer Tagesausflug im Maerz ging nach Brno (dt. Bruenn), die 2. groesste Stadt Tschechiens, die in Maehren liegt. Ich (und 2 andere deutsche Austauschschueler) konnte mit meiner Mamka und ihrer Schule mit einem gemieteten Bus mitfahren. Brno gefaell mir sehr gut und wiedereinmal wird klar: Tschechien ist ganz und garnicht nur Prag!!!

- Stephan, ich und Ana-Christina waren als Dolmetscher dabei
Dann: 21.April 2006. Einen Tag lang sollte gefeiert werden, dass der AFS in Tschechien nun schon 10 Jahre alt ist. Der folgende Abschnitt ist wohl hauptsaechlich fuer Austauschschueler interessant und nachvollziehbar, ich weiss nicht, ob nicht-AFSer meine Begeisterung teilen koennen Stephan aus Deutschland, Ana Christina aus Brasilien und ich waren als Dekoration ausgesucht, um die Austauschschuelerschaft Prags zu vertreten, als es darum ging, den AFS in Tschechien zu repraesentieren. Wir hatten ein volles Tagesprogramm von der Pressekonferenz, auf der wir viel zu tun hatten: Von Uebersetzer spielen ueber eine Sitzung mit dem Deutsch-Tschechischen-Zukunftsfond, der mir mein Stipendium ermoeglichte bis zu der abendlichen offiziellen Feier. Das Scheonste an dem Tag war, so viele interessante Menschen kennenzulernen: Praesidenten des AFS der Laender Norwegen, Thailand, der Slowakei und Deutschland, ausserdem Tachi Cazal, den Praesidenten des AFS int.. Anwesend waren Volunteers aus Thailand und Tschechien, Gastfamilien, Freunde und natuerlich als wichtigstes wir Austausch Studenten aus der ganzen Welt, die 05/06 in Tschechien weilen. Ein bunter Abend der Kulturen und auf jeden Fall auch des kulturellen Lernens, der die Idee des AFS hervorgehoben und noch einmal ins Gedaechtnis geworfen hat. Super interessant, super schoen, super spannend!

- Metro-Schacht auf Tschechisch
Ein weiterer Schritt auf dem Weg zu meiner guten Laune ist die Sprache: Nein, keine Angst, Tschechisch ist noch immer irgendwie schwer, aber es gibt ein paar wesentliche Veraenderungen: Ich muss nichtmehr nachdenken beim Sprechen, ich verstehe (zumindest wenn ich mich konzentriere) alles und die Aussprache- naja, klar hoert man, dass ich keine Tschechin bin, aber es klappt immer besser! Ganz stolz hat mich ja gemacht, als ich letzten Donnerstag eine eins in einem normal bewerteten Tschechischdiktat zurueck bekommen habe!! Das war einfach ein super Gefuehl! Ja, es sind solche kleinen Dinge und Fortschritte, die das Leben hier schoen und einzigartig machen.
Ich lebe hier irgendwie ganz anders, aus mir heraus anders: Die kleinen Dinge gewinnen viel, viel mehr an Bedeutung, ich bin leichter gluecklich und auch leichter traurig zu machen, ich fuehle mich Deutschland naeher und habe gleichzeitig in Tschechien etwas gewonnen, was man schon irgendwie Heimat oder zu Hause nennen kann.
Die Freude auf zu Hause bleibt- Eine der wichtigsten oder vielleicht sogar DIE wichtigste Erkenntnis meines Austauschjahres ist die, zu wissen, was fuer eine tolle Familie, tolle Freunde und glueckliche Bedingungen ich zu Hause in Deutschland habe. Und allein dafuer hat sich das Austauschjahr schon gelohnt!
Jeder einzelne Tag, an dem ich am liebsten alles hingeschmissen haette war wichtig fuer mich auf dem Weg dahin, wo ich jetzt bin. Und dass ich dazu dann noch all die netten Freunde, kleinen und grossen Freuden, Erfahrungen undundund geschenkt bekommen habe, ist ja auch nicht schlecht
Ich wuensche allen zukuenftigen AFSern, dass sie dieselben Grundbedingungen gestellt bekommen wie ich und allen nicht AFS-ern, dass sie irgendwann auch mal so eine erfahrungsreiche Zeit erleben duerfen!
Ich schicke viele liebe Gruesse nach Deutschland und melde mich dann ganz bald wieder bei euch!
Franziska Hoefflin,
Stipendiatin des Deutsch-Tschechischen Zukuntsfondes 2005/06 mit dem AFS in Tschechien

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