Sie sind hier: AFS-Komitee Heidelberg > Das Komitee > Erfahrungsberichte > Tschechien 2005/06 > 3. Nach der Rückkehr

3. Nach der Rückkehr

Unser Jahrgang an Austauschschülern in Tschechien

Gedanken, viele Gedanken gehen mir durch den Kopf, wenn ich hier so vor dem Computer besitze, mit der guten Absicht, meinen Stipendienbericht aufzuschreiben.

Doch kann mir vielleicht jemand sagen, wie ich all das auf Papier bringen soll, was ich im vergangenen Schuljahr erleben, erfahren, lernen, fühlen, entdecken (ja, man könnte wohl fast jedes Verb benutzen,...) durfte?

Gerne, sehr gerne will ich alle meine Gedanken teilen, wenigstens einen kleinen Teil davon, denn sie sind verbunden mit Erfahrungen, die ich jedem wünsche.

Alles fing damit an, dass ich am 19.8.2005 ins Flugzeug gestiegen bin. Tat es das? Nein, eigentlich viel früher schon. Sehr genossen habe ich die intensive Vorbereitung durch den AFS. Schon durch dieses Jahr wurde ich geprägt, beeinflusst, habe viele sehr wichtige Freunde gefunden, neues kennengelernt,... Typisch Austauschschülerleben eben, wie ich jetzt sagen würde...

Naja, aber das eigentliche Jahr fing dann ja doch mit diesem 19.8. an. Wir waren zu 7. Sieben Jugendliche, die die Welt entdecken wollten. Der Reiz, in ein Land zu fahren, das bekannt, nah und doch so fern war, war groß. Noch viel größer war die Aufregung. Der Abschied am Flughafen wurde wesentlich vereinfacht dadurch, dass ich nichts, aber auch garnichts realisiert habe. Alles ging auf einmal so schnell. Eben noch die Eltern umarmt wurde eingecheckt, abgehoben, gelandet, Begrüßung durch 3 AFSer, warten auf andere Austauschschüler, Busfahrt ins Arrivalcamp, Kennenlernspiele, Feierabend, quatschen mit mit-AFSern, ab ins Bett-----Durchatmen. Moment? Wo war die Zeit geblieben? Was habe ich an diesem einen Tag denn schon alles erlebt?? Ist das normal? Die vielen Gesichter, all die Menschen. Fremde Namen, die ich nicht aussprechen kann. Das alles erschöpft und so ist die erste Nacht durch einen tiefen Schlaf bestimmt. Es folgen 7 weitere Tage im LOC in einem kleinen Dorf im böhmischen Teil Tschechiens.

Schulfach: Eishockey

Dann die Abreise in die Familie. Kein Glücksgriff. Mit denen und mir, das wird nichts. Schnell wird gewechselt. Ab dem 10.Oktober wohne ich in einem Dorf bei Prag. In MEINER Familie.

Cakovicky ist klein, sehr klein. Gerade mal 360 Einwohner. Darunter ich. Glücklich. Mit meiner Mamka, meinem Tata und meinen beiden Schwestern. Ich kann mir nichts besseres vorstellen. Der Schulweg ist lang, sehr lang. Aber warum sollte ich die Schule wechseln, wenn ich doch eine super Familie und eine mindestens genauso tolle Klasse habe?

Mir viel es recht leicht, mich einzuleben und an den normalen Tagesablauf zu gewöhnen. Die erste Umstellung sah so aus, dass ich morgens um 5 Uhr aufstehen musste. Der Bus wartet nicht, um 5:50 ist Abfahrt. Ich habe gelernt, zu schätzen. In Deutschland kann ich 2 Stunden länger schlafen. Doch wie gesagt, ich bereue nicht..;) In der Schule angekommen hatte mein Tag meistens 6 oder 7 Stunden. Die Fächerwahl war recht ähnlich wie die in Deutschland. Am Anfang kam ich im Unterricht kein bisschen mit. Wer kann als Deutsche schon Tschechisch? Ich jedenfalls nicht. Doch zu meinem Glück lernte ich schnell und im 2. Halbjahr konnte ich schon ganz ohne Probleme am Unterricht teilnehmen.

Meine Sitznachbarin Anezka und ich

Nach der Schule ging es eigentlich immer mit Freunden aus der Klasse in ein Kaffee oder eine ?cajovna?, das sind Teestuben. Nachmittags machte ich mich auf nach Prag ins Zentrum, von wo ich meinen langen nach-Hause-Weg antrat.

Schule war super. Neben dem normalen Unterricht habe ich die Basketballmannschaft der Schule vertreten, Eishockey gelernt und Deutschunterricht gegeben. Meine Klassenlehrerin war die Beste und auch meine Mitschüler sind mir sehr ans Herz gewachsen. Schnell wurde ich als Mitschülerin angenommen. Das habe ich stark gespürt an einem Tag im Oktober: Es war Klassenfoto-Termin. Ich war leider nicht da, da ich zur Einwanderungsbehörde musste. Als das Foto dann 2 Wochen später ausgegeben wurde, habe ich entdeckt, dass meine Klasse einen Luftballon bemalt hatten, an einen Besen gebunden und ihm ein Schild mit ?Franziska? umgehängt hatten. Sie sagten, ich könne doch nicht fehlen, auf ihrem Bild.... Viele solche schöne Erlebnisse haben meine Schulzeit geprägt. Lustig war, dass ich an der Abschlussveranstaltung am letzten Schultag einen Preis als ?beste Deutschsprecherin der Schule? bekommen habe. Außerdem eine Urkunde für viel ehrenamtliches Engagement. Die hängt jetzt über meinem Bett.

Ich mit einer AFS-Betreuerin und sehr guten Freundin

Der AFS in Tschechien ist klein, aber aktiv. Wer Probleme hatte, hat einen Gesprächspartner gefunden. Vor allem bei den ehrenamtlichen Betreuern haben wir Austauschschüler uns sehr gut aufgehoben gefühlt.

Essen in Tschechien ist dem deutschen relativ ähnlich. Generell wird aber viel ungesünder gelebt. Auf Mülltrennung achtet eigentlich niemand, gegessen wird viel fettiges Fleisch-wo das herkommt? Das ist doch egal....! Kein Verständnis für Bio oder ähnliches..;) Man gewöhnt sich an alles.

Generell habe ich die tschechische Lebensweise schnell angenommen. Das fängt dabei an, dass in Tschechien JEDER abends duscht, dass man (zumindest in unsrer Gegend) beim nach-Hause-kommen die Klamotten gegen einen Trainingsanzug tauscht, dass man im Dorf alle Leute überfreundlich grüßt, dass man den Müll nicht trennt,...... und geht so weit, dass ich tschechisch gedacht und geträumt habe, dass ich mich einfach tschechisch gefühlt habe. Auch meine Freunde fanden mich irgendwie sehr undeutsch. Schnell wurden in meiner Gegenwart Witze über die Deutschen gerissen, oft mit einer kurzen Entschuldigung hinterher a la ?Oh, sorry, Fran, ich hab gerade mal wieder vergessen, dass...?. Auch in Geschäften an der Kasse wurde ich gegen Ende hin oft mit einem ?Och, endlich mal jemand eine Tschechin. Diese ganzen Touristen zur Zeit gehen einem ja sehr auf die Nerven? begrüßt. Dass ich die Sprache so gut gelernt habe, ist auf jeden Fall ein Bonus und Glücksfall, denn Tschechisch ist verdammt schwer. Es ist eine stark flektierende Sprache mit sieben grammatischen Fällen (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Vokativ, Lokativ, Instrumental), jeweils im Singular und im Plural. Im Akkusativ Singular und Nominativ Plural der Maskulina gibt es unterschiedliche Formen für belebte und unbelebte Wesen. Die Substantiva haben in jedem der drei Genera (männlich, weiblich, sächlich) mindestens vier Grundformen. Jedes der Nomen, jeder Eigenname, wird den 7 Fällen angeglichen. So werde ich nicht Franziska sondern ?Franzisko? gerufen. Ohne Franziska wird zu bez Franzisky.. Und das ist nur der einfache Singular.. Aber es hat ja geklappt, ich habe gelernt, zu sprechen und bin ziemlich stolz darauf.

Meine Gastmamka übrigens auch. Sie hat mich schnell als ihre 3. Tochter vorgestellt und einer ihrer ersten Sätze war immer: ?Gell, die spricht gut tschechisch, unsere Franziska!? Sie hat mir auch oft genug beteuert, dass sie immer 3 Töchter haben wird. Sogar den Haustürschlüssel durfte ich bewusst behalten. Zu meinem Geburtstag ende Juli kam meine ganze 2. Familie zu Besuch.

Der Kontakt hält bisher sehr gut. Wir telefonieren, schicken emails und Fotos hin- und her, denken viel aneinander. So schnell wie möglich mag ich zurück, um wenigstens für ein paar Tage wieder in Prag zu sein.

Angekommen...

Der Abschied von Land und Leuten viel mir sehr schwer. Aber ich habe eine 2. Heimat gefunden, in die ich noch oft zurückkehren werde. Ich habe Erfahrungen gemacht, die mir niemand mehr nehmen kann und die ich für immer in mir tragen werde.

Jetzt bin ich schon seit 2 ½ Monaten wieder zurück. Die Zeit fliegt und das Leben geht weiter. Aber ein so unglaubliches Erlebnis wie mein Jahr in Tschechien bleibt.

Ich bin mittlerweile in meinem Heimatkomitee HEI relativ aktiv. Das hat mir sehr geholfen, gut anzukommen.

Von den Schwierigkeiten bei Zurückkommen, von denen andere Austauschschüler berichten, habe ich nicht sooo viel bemerkt. Klar gibt es Momente, in denen ich nichts anderes will, als nach Tschechien zurück, besonders abends, wenn ich noch einmal die Bilder ansehe, mit denen ich so viele Gedanken verbinde,.. Aber ich habe auch hier wunderbare Freunde und eine liebe Familie. Tschechien bleibt mir, das weiß ich, für immer.

Ich möchte mich beim AFS für die gute Vorbereitung bedanken, dafür, dass ich ein Gefühl der Sicherheit haben konnte.

Außerdem beim Deutsch-Tschechischen-Zukunftsfond, ohne den mir das Jahr nicht möglich gewesen wäre.